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Alltag im Iran
© Vahid Salemi/AP/dpa
Mit einem Angriff verbinden manche Iraner die Hoffnung, dass sich im Land grundlegend etwas ändert. (Archivbild)
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Iran und die Kriegsgefahr – ein erschöpftes Land

Wird der Iran Ziel eines US-Angriffs? Die Präsenz amerikanischer Kriegsschiffe schürt im Land neue Ängste. Gespräche aus Teheran über Verzweiflung, Hoffnung und die Erwartung einer Eskalation.

Veröffentlicht: Dienstag, 27.01.2026 13:32

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Militärische Spannungen

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Teheran (dpa) - Die Angst vor dem Krieg ist zurück – und mit ihr eine Hoffnung, die nicht euphorisch klingt, sondern erschöpft. Seit Tagen kursieren in der iranischen Hauptstadt Teheran Sorgen über mögliche US-Angriffe. Die Ankunft einer massiven US-Flotte in der Region verleiht den Drohungen der US-Regierung Nachdruck. Im Iran, der seit Wochen unter Internetblockaden leidet, ersetzen Spekulationen die Nachrichten und Sehnsüchte die Analyse.

«Vielleicht denkt Amerika nicht an unser Wohl», sagt Armin, 21, Student. «Aber man kann auf eine bessere Zukunft hoffen.» Keine Zukunft, sagt er, sehe er in seinem Studium, keinen Sinn mehr im Lernen, während Preisexplosionen und Perspektivlosigkeit den Alltag bestimmen. Mit einem Angriff verbindet er die Hoffnung, dass sich im Land grundlegend etwas ändert. Es sind Sätze, die man häufiger hört in diesen Tagen, sei es auf der Rückbank eines Taxis, in einem kleinen Supermarkt oder in der überfüllten U-Bahn.

Die Suche nach Auswegen im Undenkbaren

Eine Flotte von Kriegsschiffen samt dem Flugzeugträger «USS Abraham Lincoln» ist inzwischen in der Nähe Irans eingetroffen. US-Präsident Donald Trump hatte der iranischen Führung mehrfach mit einem militärischen Eingreifen gedroht – als Reaktion auf die blutige Niederschlagung der jüngsten Massenproteste. In Teheran wachsen die Sorgen. Sie treffen auf eine Gesellschaft, die begonnen hat, im Undenkbaren nach Auswegen zu suchen.

Der Schmerz über die staatliche Gewalt in den Nächten vom 8. und 9. Januar sitzt tief. Nach Angaben des in den USA ansässigen Menschenrechtsnetzwerks HRANA wurden mehr als 5.700 getötete Demonstranten verifiziert, weitere 17.000 Fälle befinden sich in Prüfung. Einige Medien sprechen von noch höheren Opferzahlen. Es ist das tödlichste Vorgehen des Staates gegen die eigene Bevölkerung seit Gründung der Islamischen Republik.

Zweifel an den Darstellungen der Regierung

Die Regierung in Teheran stellt die Ereignisse rund um die Proteste grundlegend anders dar. Für die hohe Zahl an Toten seien nicht Sicherheitskräfte verantwortlich, sondern Terroristen – gesteuert von den Erzfeinden Israel und den USA. Die Staatsführung spricht von 3.117 Todesopfern, darunter Zivilisten, Polizisten und rund 700 angebliche Terroristen. Im Land glaubt kaum jemand an diese Version der Ereignisse.

«Wie kann es sein, dass in allen Städten Irans Terroristen zur gleichen Stunde und am gleichen Tag beteiligt sind und die Menschen erschießen?», fragt sich Arian, ein 32-jähriger Angestellter der Stadtverwaltung. «Zu dieser Regierung gibt es kein Vertrauen mehr, sie ist nur damit beschäftigt, uns zu täuschen.» Ein militärisches Eingreifen der USA würde er gleichgültig hinnehmen, sagt er.

Experten zweifeln an Wirksamkeit von Militärangriffen

Seit Jahren wird das Land mit seinen rund 90 Millionen Einwohnern von immer neuen Protestwellen erschüttert. Mit jedem Aufstand ging das staatliche Vorgehen gewaltsamer vor. Neben den innenpolitischen Verwerfungen gerät auch Irans außenpolitische Position unter Druck. Verbündete in der Region gelten als geschwächt oder geschlagen, Israel und die USA haben im vergangenen Jahr bereits Krieg gegen den Iran geführt. 

Damals hatten Israel und die USA zentrale Anlagen des iranischen Atomprogramms angegriffen. Die Streitkräfte der Islamischen Republik feuerten Raketen auf Tel Aviv und israelische Städte. Die Bombardierungen in Teheran, bei denen auch Wissenschaftler und Offiziere in ihren Wohnungen getötet wurden, hatten damals die Bewohner der Hauptstadt traumatisiert und auch zusammengeschweißt. Heute blicken sie anders auf Krieg.

Viele Experten bezweifeln, dass sich die Führung der Islamischen Republik mit Militärschlägen tatsächlich zu Fall bringen ließe. «In Washington herrscht die Annahme vor, dass selbst ein begrenzter Militärschlag (…) nicht ausreichen würde, um das Regime zu stürzen oder sein Verhalten grundlegend zu ändern», schrieb Dennis Citrinowicz, Iran-Experte am israelischen Institut INSS.

Trump: «Sie wollen einen Deal machen»

Trump selbst, schreibt Citrinowicz, sei skeptisch gegenüber langwierigen und kostspieligen Kriegen. Er bevorzuge «schnelle, entscheidende Siege». Die iranische Staatsführung hingegen zeigt bislang keine Bereitschaft zum Rückzug. In den vergangenen Tagen hat sie die Bevölkerung bereits auf einen möglichen Krieg eingeschworen. Der Kommandeur der Revolutionsgarden, Mohammed Pakpur, erklärte, die Streitkräfte stünden bereit – «mit dem Finger am Abzug».

Trump selbst lässt die Möglichkeit eines anderen Ausgangs offen. «Sie wollen einen Deal machen. Das weiß ich. Sie haben mehrfach angerufen. Sie wollen reden», sagte er dem Nachrichtenportal Axios. Er verwies auf die US-Flotte vor Iran und betonte, sie sei größer als jene vor der Küste Venezuelas. Das Bild soll den politischen Druck unterstreichen. In Teheran hält sich unter manchen die Einschätzung, es gehe weniger um einen Angriff als um einen Deal.

Insider hält Deal für möglich

Ein Insider in Teheran hält es für wahrscheinlicher, dass die USA eine Seeblockade verhängen, um Irans Ölexporte zu stoppen und damit die zentrale Einnahmequelle des Landes versiegen zu lassen. «Der Plan ist nicht Regimewechsel, sondern ein politischer Deal ganz nach Trumps Vorstellungen», sagt eine mit den Vorgängen vertraute Person. 

Schon im vergangenen Jahr verhandelten Washington und Teheran direkt miteinander, ehe es zum Krieg kam. Ein Kompromiss kam nicht zustande. Trump stellte Maximalforderungen, darunter den vollständigen Verzicht auf Urananreicherung. Für Teheran damals wie heute eine rote Linie. 

Mehrdad, 27, Goldhändler, hofft auf Besserung ohne militärisches Eingreifen. Ein Angriff, sagt er, könne die Infrastruktur zerstören, innere Spannungen verschärfen und die Spaltung der Gesellschaft vertiefen. «Ich habe Angst, dass es durch einen Angriff nur noch schlimmer wird.»

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© dpa-infocom, dpa:260127-930-600942/4
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Proteste im Iran
© Uncredited/UGC/AP/dpa
Die Erinnerung an die staatlichen Repressionen gegen die Massenproteste ist noch immer präsent. (Archivbild)
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