
Großrazzia gegen «Hells Angels» mischt Rocker-Szene auf
Veröffentlicht: Dienstag, 28.04.2026 11:25
1.200 Polizisten im Einsatz
Düsseldorf (dpa) - Auch wenn die «Hells Angels» oft nachtaktiv sind, wurden die meisten am Dienstag wohl unsanft aus dem Schlaf geholt: Um 4 Uhr morgens schlug die Polizei in NRW zeitgleich an 56 Adressen in 28 Städten zu. 1.200 Beamte stürmten Wohnungen, Lagerhallen und eine Werkstatt. Die Ermittler nahmen den Präsidenten (46) des noch jungen «Hells Angels»-Ablegers Leverkusen fest. Der Club wurde verboten, sein Vermögen beschlagnahmt - insgesamt sollen es bis zu 2,5 Millionen Euro sein.
«Wer mit Waffen, Drogen, Gewalt und Einschüchterung sein Geld verdient, muss jederzeit damit rechnen, dass die Polizei morgens im Schlafzimmer steht. Nicht als Gast, sondern mit Durchsuchungsbeschluss», sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU), als es draußen schon wieder hell war. Sichtlich zufrieden erklärte Reul, dass dies einer der größten Einsätze gegen Rocker in der Geschichte des Landes war.
Rocker sollen bei Schönheits-Chirurg vorbeigefahren sein
Ursprünglich hatte man wegen diverser Straftaten ermittelt, die der Organisierten Kriminalität zugerechnet werden. So hatte sich nach dpa-Informationen zum Beispiel 2024 eine junge Frau beim Präsidenten des gerade erst gegründeten «Hells Angels»-Ablegers in Leverkusen gemeldet, weil sie mit einer Schönheits-OP unzufrieden war - und der Arzt ihr das Geld nicht zurückzahlen wollte. Der Präsident soll - so die Ermittlungen - versprochen haben, dass seine Leute bei dem Chirurgen mal vorbeifahren, um die Forderung einzutreiben.
Was dann passierte, ist unklar, denn der Arzt hat nie Anzeige erstattet. Aber für die Polizei zeigt das Beispiel, dass der «Hells Angels Motorcycle Club» (HAMC) Leverkusen nicht wegen der Liebe zu PS-starken Zweirädern gegründet wurde: «Der HAMC Leverkusen verfolgt den offiziellen Zweck eines Motorradclubs. Tatsächlich dient der Personenzusammenschluss jedoch hauptsächlich der Planung und Durchführung von Straftaten», heißt es in der Verbotsverfügung, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.
Knapp 70-seitige Verbotsverfügung
Die Polizei hat für das knapp 70-seitige Papier zahlreiche noch laufende Ermittlungsverfahren zusammengetragen, die am Ende immer wieder zu dem Rocker-Club in Leverkusen führten. So wurde aus den Ermittlungen auch das Verbotsverfahren. Am Dienstag wurde den Beteiligten die entsprechende Verfügung zugestellt. Der Präsident des Chapters wurde festgenommen, gegen ihn gibt es einen Haftbefehl.
In der Werkstatt des Mannes in Langenfeld entdeckte die Polizei zahlreiche Motorräder, auch vom Typ Harley-Davidson. Wem die Maschinen gehören, muss laut Reul noch geklärt werden. Ansonsten habe man bei den Razzien aber auch Waffen gefunden, ein Bankschließfach durchsucht und Hinweise auf professionellen Drogenanbau entdeckt. Insgesamt, so Reul, gebe es 44 Beschuldigte.
Auch wenn das «Chapter» in Leverkusen im Fokus stand, durchsuchten die Beamten Wohnungen und Geschäftsräumen von Vereinsmitgliedern und Unterstützern in ganz NRW. Unter anderem in Leverkusen, Köln, Langenfeld, Monheim, Solingen, Dortmund, Oberhausen, Ahaus, Velbert, Duisburg, Bergheim, Gummersbach, Kempen, Herne, Voerde, Bielefeld, Bochum, Dinslaken, Lünen und Marienheide. Polizisten aus zahlreichen Städten waren dabei, auch Spezialeinsatzkommandos (SEK).
Verdacht wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung
Federführend waren die Polizei Düsseldorf und die Spezial-Staatsanwaltschaft der Zentral- und Ansprechstelle für die Verfolgung Organisierter Straftaten (ZeOS NRW). Es geht bei dem Ermittlungsverfahren unter anderem um den Verdacht der Bildung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung sowie der räuberischen Erpressung.
Rockerclubs hätten nichts mit «Motorradromantik» zu tun, betonte Reul. Er hatte 2017 schon einmal den «Hells Angels»-Ableger «Concrete City» in Erkrath verboten. Erst Jahre später endete die Sache durch einen Beschluss des Oberverwaltungsgerichts, welches das Verbot bestätigte. Tatsächlich gibt es daher auch weiter viele andere Chapter der Höllenengel in NRW.
Eine Auflistung des Landeskriminalamts, über die zunächst die «Neue Westfälische» berichtet hatte, beinhaltet mit Stand Dezember vergangenen Jahres 29 «Hells Angels»-Ableger - noch inklusive Leverkusen. 469 Mitglieder zählten die Ermittler demnach. Auf dem zweiten Platz rangierten die «Freeway Riders» mit 403 Mitgliedern. Die «Bandidos» hatten nur zwölf Chapter und 124 Mitglieder - allerdings war der Club vor Jahren komplett verboten worden, breitet sich jetzt neu wieder aus.
Rivalitäten mit «Bandidos»
Die Rivalitäten zwischen «Bandidos» und ihren Erzfeinden bei den «Hells Angels» hatten in den vergangenen Monaten zu neuen Konflikten geführt. Im Raum Köln gab es mehrere Schießereien, bei denen es auch darum gegangen sein soll.
Hingen die Leverkusener Rocker da auch mit drin? Es sei noch zu früh, etwas dazu zu sagen, so Reul. Fakt ist: Die Polizei hat mit ihrer großen Aktion die ganze Szene aufgemischt. NRW zeige «Null Toleranz» und sein «kein Rückzugsraum für Kriminelle», sagte Reul markig wie immer: «Wir bleiben da dicht dran, wir zerschlagen Strukturen, wir legen Vermögen trocken.»





