
Angeschaut und ausprobiert
Berlin (dpa/tmn) - Leica verspricht mit seinem Leitzphone «das Beste aus zwei Welten»: Deutsche Design-Präzision der Kameraspezialisten von Leica aus München und Wetzlar kombiniert mit der Hardware-Expertise des chinesischen Hightech-Konzerns Xiaomi. Doch rechtfertigt das luxuriöse Gesamtpaket den stolzen Preis von knapp 2.000 Euro?
Schon beim Auspacken wird klar, dass Leica ein Erlebnis verkaufen möchte. Das Set umfasst neben dem Leitzphone auch eine hochwertige Schutzhülle mit Metallring, eine rote Handschlaufe und einen massiven Objektivdeckel aus Metall. Das Smartphone selbst besticht durch einen kantigen, geriffelten Aluminiumrahmen, der haptisch an das klassische Design des iPhone 5 erinnert. Die Rückseite ist mit einer griffigen Polyacryl-Struktur überzogen, die sich eher nach Leder als nach Glas anfühlt.
Drehring wie bei einer Profikamera
Das markanteste Merkmal ist jedoch der physische, kugelgelagerte Kameraring um das massive Objektivmodul. Er lässt sich drehen, um Zoom, Fokus, Belichtung oder Weißabgleich manuell zu steuern – ein haptisches Erlebnis, das man bei Apple oder Samsung vergeblich sucht. Gekrönt wird das Ganze durch den legendären roten Leica-Punkt.
Unter der edlen Hülle steckt die Speerspitze aktueller Mobiltechnologie, basierend auf dem Xiaomi 17 Ultra. Als Hauptprozessor werkelt der Snapdragon 8 Elite Gen 5 und sorgt für eine brachiale Leistung, die die meisten Anwender wohl kaum ausschöpfen können.
Prozessor und Display aus der Champions League
Auch beim Display spielen Leica und Xiaomi in der Champions League: Ein 6,9 Zoll großes OLED-Panel bietet eine Spitzenhelligkeit von 3.500 Nits. Damit bleibt selbst bei direkter Sonneneinstrahlung alles perfekt ablesbar.
Auch der Akku lässt keine Wünsche offen. Mit satten 6.800 mAh erreichte das Leitzphone im Test eine überragende Laufzeit von über 22 Stunden.
Für die meisten Anwender eines Smartphones von Leica kommt es aber auf die Kamera an. Diese verfügt über einen für Smartphone-Verhältnisse riesigen Ein-Zoll-Sensor. Dessen Besonderheit ist eine Technologie namens LOFIC (Lateral Overflow Integration Capacitor).
Sensor mit virtuellen Eimern, die Licht sammeln
Man kann sich die LOFIC-Technik wie kleine Eimer vorstellen, die Licht sammeln: Normalerweise laufen diese bei hellem Sonnenschein schnell über – das Foto wird an diesen Stellen einfach nur weiß und Details gehen verloren. Der neue Sensor hat jedoch eine Art eingebautes Auffangbecken für überschüssiges Licht.
Dadurch kann die Kamera deutlich länger belichten: Sie sammelt in den dunklen Ecken des Bildes noch viele Details ein, während die hellen Stellen nicht überstrahlen. Das Ergebnis sind extrem klare Fotos mit weniger Bildfehlern.
Optischer Zoom mit Periskop-Trick
Auch beim Zoom gibt es einen cleveren Trick: Da das Smartphone zu dünn für ein langes Objektiv ist, liegen die Linsen wie bei einem Periskop im U-Boot flach im Gehäuse. Sie bewegen sich auf einer Schiene hin und her, um das Bild optisch zu vergrößern, ohne dass die Qualität leidet. Mit satten 200 Megapixeln bleiben die Aufnahmen dabei knackscharf. Die übrigen Kameras für Panorama-Aufnahmen arbeiten ebenfalls auf höchstem Niveau und mit 50 Megapixeln Auflösung auch sehr detailliert.
An Foto-Enthusiasten richten sich auch die exklusiven Software-Funktionen des Leitzphone. Das sind zum einen die «Leica Looks»: Leica hat die Abbildungscharakteristik berühmter Objektive wie dem Noctilux-M 50mm oder dem Summilux 35mm digital präzise als Filter nachgebildet. Sogar die Blende lässt sich virtuell von f/1.2 bis f/8 verstellen, was zu einer besonders starken Hintergrundunschärfe (Bokeh) führt.
Leica simuliert legendäre Kameragenerationen
Das neue Leitzphone simuliert aber nicht nur legendäre Objektive, sondern ganze Kameragenerationen: So liefert der M3-Modus eine Hommage an die berühmte Schwarz-Weiß-Fotografie von Leica. Hier geht es nicht nur darum, die Sättigung auf null zu drehen, sondern die Graustufen und Kontraste so zu berechnen, dass sie wie ein klassischer Schwarz-Weiß-Film wirken.
Im M9-Modus wird die Leica M9 aus dem Jahr 2009 imitiert. Sie hatte einen speziellen Sensor (CCD), den viele Fotografen heute noch für seine einzigartige Farbwiedergabe lieben. Das Smartphone imitiert diesen speziellen Farbstich und den Dynamikumfang dieser Kamera-Legende.
Bunte Android-Oberfläche als kleiner Stilbruch
Als kleinen Stilbruch haben wir die Softwareoberfläche des Leitzphones empfunden. Auf dem Smartphone ist HyperOS 3 von Xiaomi installiert. Leica versucht zwar mit eigenen Widgets und monochromen App-Icons einen edlen Look zu generieren. Doch sobald man andere Android Apps installiert, bricht das bunte Design von Xiaomis Android-Betriebssystem wieder hervor.
Der größte Knackpunkt ist jedoch der Preis. Mit einer unverbindlichen Preisempfehlung von 1.999 Euro (inklusive 1 Terabyte Speicher) verlangt Leica einen Aufpreis von rund 300 gegenüber dem fast baugleichen Xiaomi 17 Ultra. Den Drehring für die Kamera sowie die verschiedenen Filter- und Simulations-Funktionen der Kamera-App gibt es allerdings bei Leica exklusiv.
Fazit: Kein Vernunftgerät, sondern Statement für Enthusiasten
Das Leica Leitzphone ist kein Vernunftkauf. Es ist ein Statement für Enthusiasten, die das Fotografieren zelebrieren wollen. Jene können sich auf eine herausragende Bildqualität, die einzigartige Haptik durch den Objektiv-Drehring sowie die exklusiven Leica-Simulationen und eine enorme Akkulaufzeit freuen. Und vielleicht werden Software-Updates noch einmal dafür sorgen, dass die Oberfläche nicht mehr so inkonsistent wirkt wie bislang.
Wer also das nötige Kleingeld besitzt und den Leica-Look liebt, bekommt hier eines der aktuell besten Foto-Smartphones auf dem Markt. Alle anderen fahren mit dem Standard Modell Xiaomi 17 Ultra rational gesehen besser.






