
Weltmeisterschaft in Montreal
Montreal (dpa) - Abgekämpft und mit verdrecktem Gesicht stand Florian Lipowitz nach dem vielleicht härtesten Rennen seiner Karriere am Fuße des Mont Royal. «Mir hat der Punch gefehlt, aber das war mir schon vorher klar», sagte der beste deutsche Radprofi mit Blick auf sein WM-Rennen von Montreal der Deutschen Presse-Agentur. Beim Außenseiter-Sieg von Brandon McNulty stand bei Lipowitz am Ende Platz 47 in der Statistik. Aber das war Nebensache.
Dass es für ein glorreiches Ergebnis nicht reichen wird, davon war aufgrund des vor zwei Monaten erlittenen Schlüsselbeinbruchs auszugehen. Die WM war, wenn man so will, der erste Härtetest für die nächste Saison. Nach einigen Tagen Ruhe will Lipowitz mit dem Giro dell'Emilia, Tre Valli Varesine und der Lombardei-Rundfahrt noch drei italienische Eintagesrennen angehen. «Ich tue mich da schwer. Von daher ist es umso besser, wenn ich welche fahre», erklärte Lipowitz.
Alpen-WM als Medaillenchance
Womöglich hat er dabei auch die WM im kommenden Jahr in den französischen Alpen im Blick. Mit 5.700 Höhenmetern wird es die schwerste WM seit 47 Jahren - und für Lipowitz womöglich die beste Chance auf eine Medaille. Selbst, wenn dann Superstar Tadej Pogacar wieder am Start sein wird, der in Kanada wegen eines Schlüsselbeinbruchs fehlte.
Grundsätzlich ist Lipowitz Rundfahrer, bei Rennen wie der WM tut er sich schwer. «Ich fahre dieselben Werte in der dritten Woche der Tour de France wie bei einem Eintagesrennen», berichtete der 26-Jährige. Bei Klassikern ist es vor allem der Punch, der explosive Antritt, der den Unterschied macht. Und die Erfahrung.
Reifer und gelassener
Die hat Lipowitz in diesem Jahr zuhauf sammeln können, besonders bei Themen abseits des Rades. «Ich habe gelernt, besser mit dem Stress umzugehen. Es lastet viel Druck auf einem, es gibt hohe Erwartungen, speziell bei der Tour», sagte Lipowitz. «Ich bin deutlich reifer, ein bisschen gelassener.»
Gemessen wird sein Jahr an der Tour. Das ist ihm nach dem dritten Platz 2025 bewusst. Zwar stehen in diesem Jahr starke Resultate wie die zweiten Plätze bei der Tour de Romandie und der Baskenland-Rundfahrt sowie Platz drei bei der Katalonien-Rundfahrt in der Statistik. Doch das große Ziel war das Podium bei der Tour, das er aufgrund des Sturzes im Einzelzeitfahren und der folgenden Aufgabe verpasste.
«Grundsätzlich kann ich mehr als zufrieden sein», befand Lipowitz. «Bei der Tour war ich auf einem guten Kurs in Richtung Podium. Natürlich ist es das eine, ein Jahr stark zu fahren. Schwieriger ist es dann, sich wieder zu beweisen.»
Die Planungen für das nächste Jahr werden erst im Herbst gemacht. Doch schon in dieser Saison deutete sich an, dass es im Team Red Bull äußerst herausfordernd wird, die Interessen von Lipowitz und Olympiasieger Remco Evenepoel zu bedienen. Das gilt vor allem für die Tour, bei der Evenepoel nach dem Aus von Lipowitz und dem zweimaligen Sieger Jonas Vingegaard auf Platz zwei hinter Pogacar fuhr. Deshalb wird der Belgier nun Ansprüche beim größten Rennen der Welt haben.
Giro als Alternative?
Ob man wieder mit einer Doppelspitze antritt, bleibt offen - zumal es während der Tour in diesem Jahr einen vor allem von Evenepoel öffentlich ausgetragenen Zoff gab. Der Belgier hatte seiner Meinung nach zu wenig Unterstützung von Lipowitz erhalten.
Welche Optionen hat Lipowitz in diesem Dilemma? Bereits im vergangenen Jahr gab es Gerüchte um einen Wechsel zum Lidl-Team. Doch die zweite deutsche Mannschaft hat in Juan Ayuso, Mattias Skjelmose, Felix Gall und Giulio Ciccone eigentlich schon zu viele Klassement-Fahrer unter Vertrag. Und Lipowitz selbst ist noch bis 2029 an Red Bull gebunden. Zumindest auf dem Papier.
Es bedarf also etwas Fantasie bei der Rennplanung. So könnte Lipowitz zum zweiten Mal nach 2024 den Giro d'Italia fahren. Damals hatte der Schwabe schon nach fünf Etappen wegen einer Erkrankung aufgeben müssen. Im nächsten Jahr könnte er dann als Kapitän an den Start gehen. Die Tour de France wäre dann auch eine Option, sich dort in einer freien Rolle in Form für die WM zu bringen. Dort findet das Straßenrennen bereits Ende August statt, gut einen Monat nach dem Ende der Tour.


