
Berufswahl, Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen und fehlende Aufstiegsmöglichkeiten: Die Gründe für ungleiche Chancen von Frauen und Männern im Berufsleben sind vielfältig. Im Rahmen der Woche der Chancengleichheit (5.-9.10.) hat Radio Sauerland bei der Arbeitsagentur Meschede-Soest nachgefragt, wo sie im Hochsauerlandkreis die größten Hindernisse sieht - und wie sie Frauen unterstützen will.
Rollenbilder beeinflussen schon die Berufswahl
„Technik ist eher etwas für Jungen, soziale Berufe eher etwas für Mädchen“: Solche Vorstellungen prägen nach Einschätzung der Arbeitsagentur oft schon Kinder und Jugendliche. Sie können beeinflussen, welche Berufe junge Menschen für sich überhaupt in Betracht ziehen.
Im Hochsauerlandkreis arbeiten Frauen häufiger in sozialen und personenbezogenen Dienstleistungen. In industriellen und technischen Berufen sind sie dagegen seltener vertreten. Die Arbeitsagentur weist darauf hin, dass es in manchen der Berufe, in denen viele Frauen beschäftigt sind, nur eingeschränkte Aufstiegsmöglichkeiten gibt.
Das bedeutet nicht, dass soziale Berufe weniger Zukunft haben. Im Gegenteil: Die Arbeitsagentur erwartet, dass Tätigkeiten in sozialen und personenbezogenen Dienstleistungen weiterhin stark nachgefragt werden. Wie sich industrielle und technische Berufe durch Digitalisierung und Automatisierung verändern, lasse sich dagegen nicht verlässlich vorhersagen.
Familienarbeit kostet häufig berufliche Chance
Als besonders großes Hindernis sieht die Arbeitsagentur die ungleiche Verteilung von Familienarbeit. Wenn Kinder betreut werden müssen, reduzieren häufig Mütter ihre Arbeitszeit oder unterbrechen ihre Berufstätigkeit. Dadurch bleibt weniger Zeit für Weiterbildung und berufliche Entwicklung. Später kann sich das auf Aufstiegsmöglichkeiten und Einkommen auswirken.
Teilzeit kann helfen, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Sie dürfe aber nicht dauerhaft dazu führen, dass Frauen von Qualifizierung, Verantwortung oder Führungsaufgaben ausgeschlossen werden, betont die Arbeitsagentur.
Hinzu kommt für manche Frauen später die Pflege älterer Eltern. Auch dann seien es häufig Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzieren und auf Karriereschritte verzichten. Nach Einschätzung der Arbeitsagentur bestehen in vielen Familien weiterhin traditionelle Rollenverteilungen. Sie verweist zudem auf finanzielle Anreize, die das Modell einer hauptverdienenden Person und einer hinzuverdienenden Ehefrau begünstigen.
Auch der Arbeitsort spielt eine Rolle: Wer wegen familiärer Verpflichtungen oder eingeschränkter Mobilität nicht ohne Weiteres zu einem anderen Unternehmen wechseln kann, hat nach Angaben der Arbeitsagentur weniger Möglichkeiten, durch einen Stellenwechsel beruflich voranzukommen.
Der Weg in Führungspositionen bleibt schwierig
Ungleiche Chancen enden nicht bei der Berufswahl oder der Frage, wer zu Hause Betreuungsaufgaben übernimmt. Auch der Zugang zu Führungs- und Entscheidungspositionen kann nach Einschätzung der Arbeitsagentur von traditionellen Vorstellungen geprägt sein. Persönliche Netzwerke und Auswahlverfahren, die nicht für alle gleichermaßen sichtbar sind, könnten dabei eine Rolle spielen.
Zwar hätten viele Unternehmen erkannt, wie wichtig familienfreundliche Arbeitsbedingungen sind. Auch die Betreuungssituation habe sich in vielen Regionen etwas entspannt. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bleibe für viele Frauen dennoch ein großer Kraftakt, so die Arbeitsagentur.
Beratung, Weiterbildung und klischeefreie Berufswahl
Die Arbeitsagentur will deshalb an mehreren Stellen ansetzen. Mit Veranstaltungen für Jugendliche, Eltern und Lehrkräfte wirbt sie für eine Berufswahl ohne Geschlechterklischees. Dabei sollen Mädchen und junge Frauen auch technische und naturwissenschaftliche Berufe kennenlernen.
Für Frauen, die bereits im Berufsleben stehen oder nach einer Familienphase zurückkehren möchten, bietet die Agentur individuelle Beratung an. Hinzu kommen Informationsveranstaltungen zu Weiterbildung, Wiedereinstieg und Teilzeitausbildung. Gemeinsam mit Gleichstellungsbeauftragten, Bildungsträgern und weiteren Partnern will sie Wege in die Qualifizierung eröffnen.
Auch Unternehmen nimmt die Arbeitsagentur in den Blick: Sie unterstützt familienorientierte Personalarbeit und beteiligt sich an der Zertifizierung familienfreundlicher Unternehmen im Hochsauerlandkreis.
Die Unterschiede zeigen sich auch in den Zahlen
Frauen sind im Hochsauerlandkreis häufig berufstätig: Ihre Beschäftigungsquote liegt nach Angaben der Arbeitsagentur bei 61 Prozent und damit über dem NRW-Durchschnitt von 56,8 Prozent. An allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Kreis haben Frauen einen Anteil von 45,7 Prozent.
Die Arbeitsagentur nennt für Frauen folgende Verteilung nach Beschäftigungsform: 39 Prozent arbeiten in Vollzeit, 43 Prozent in Teilzeit und 17 Prozent ausschließlich in einem Minijob. Die Angaben sind gerundet. Zugleich stellen Frauen 83 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigten im Hochsauerlandkreis. An den Vollzeitbeschäftigten haben sie einen Anteil von 30 Prozent.
Die Folgen unterschiedlicher Berufswege und Arbeitszeiten zeigen sich auch beim Verdienst: Der unbereinigte Lohnabstand zwischen Frauen und Männern liegt im Hochsauerlandkreis laut IT.NRW bei zwölf Prozent. Die Zahl vergleicht die durchschnittlichen Verdienste und berücksichtigt unter anderem nicht, ob Frauen und Männer in denselben Berufen oder Positionen arbeiten. Sie zeigt also nicht, dass Frauen für die gleiche Arbeit pauschal zwölf Prozent weniger bekommen.
Elf Online-Angebote während Aktionswoche
Die Agentur für Arbeit Meschede-Soest, weitere Arbeitsagenturen und die Jobcenter in NRW bieten bis Freitag insgesamt elf virtuelle Informationsveranstaltungen an. Themen sind unter anderem flexible Arbeitszeiten, Künstliche Intelligenz, Selbstständigkeit und finanzielle Eigenständigkeit. Das Angebot richtet sich besonders an Frauen, die nach einer Familienphase wieder einsteigen oder sich beruflich neu orientieren möchten.
Hier findet ihr alle Infos und Termine: https://www.arbeitsagentur.de/vor-ort/rd-nrw/themen-in-nrw/chancengleichheit/wochederchancengleichheit