
Fußball-WM
Kansas City (dpa) - Als Ralf Rangnick weit nach Mitternacht in hohem Tempo auf einem Golfcart durch die Mixed-Zone gefahren wurde, konnte er das zuvor Erlebte immer noch nicht fassen. Nach einer der verrücktesten Schlussphasen in der österreichischen Fußball-Geschichte steht das Team Austria bei der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko doch noch im Sechzehntelfinale und fordert dort am Donnerstag Europameister Spanien. «Einmal Hölle und zurück», titelte die «Kronen-Zeitung» nach dem WM-Wahnsinn von Kansas City.
Vor der Partie gegen Algerien war viel über die Ausgangslage diskutiert worden, da beiden Teams ein Remis zum Weiterkommen reichte. Doch die Art und Weise, wie es mit der allerletzten Aktion im 72. und abschließenden Spiel der Gruppenphase zum 3:3 kam, hatte niemand vorhergesehen. In der dritten Minute der Nachspielzeit brachte Riyad Mahrez Algerien aus dem Nichts mit 3:2 in Führung und stürzte Österreich damit ins Tal der Tränen. Drei Minuten später köpfte der direkt nach dem Rückstand eingewechselte Sasa Kalajdzic das 3:3 und Österreich zurück in den Fußball-Himmel.
«Ich habe im Moment keine Worte, sage ich ganz ehrlich. Ich glaube, so etwas habe ich so noch nie erlebt», sagte Rangnick. «3:2 hinten, die Spielzeit ist eigentlich um. Wir kommen tatsächlich nochmal ins Spiel zurück. Wir sind im Moment einfach nur happy», sagte Österreichs deutscher Trainer sichtlich gezeichnet.
Österreichs Held Kalajdzic bei Jubel «geschubst und gedrückt»
Nach dem Ausgleichstreffer stürzte sich gefühlt ganz Österreich auf Kalajdzic. «Der Jubel hat 15 Meter im Feld begonnen und am Ende war ich fast aus dem Stadion, so sehr wurde ich geschubst und gedrückt», sagte der Angreifer. Als der Schiedsrichter nach dem Auflösen der österreichischen Jubel-Traube die irre Partie im Stadion der Kansas City Chiefs abpfiff, ließen sich die meisten österreichischen Spieler einfach auf den Rasen fallen. «Ich bin fix und fertig», sagte Dortmunds Marcel Sabitzer.
Nun wartet Titelkandidat Spanien auf den Gruppenzweiten Österreich, Algerien als Dritter trifft auf die Schweiz und damit auf den vermeintlich leichteren Gegner. Es passte zu diesem wahnwitzigen Fußball-Abend, dass Algerien, eigentlich der gefühlte Verlierer nach dem Last-Minute-Ausgleich, am Ende als gefühlter Gewinner aus der unvergesslichen Nacht von Kansas City hervorging.
Vor 69.045 Zuschauern trafen Marko Arnautovic (28. Minute), Sabitzer (55.) und Kalajdzic (90.+6) für Österreich. Rafik Belghali (45.) und Riyad Mahrez (60./90.+3) erzielten die Tore für Algerien.
Party in der Kabine
«Wir haben Österreich den Atem angehalten - aber jetzt sollen sie alle schön weiter trinken», sagte Sabitzer. Er und seine Teamkollegen tanzten nach dem Nervenkrimi ausgelassen durch die Kabine und schrien ihre Freude und Erleichterung heraus. «Das ist unfassbar», sagte Kapitän David Alaba.
Vor dem Spiel hatten viele auf ein Unentschieden spekuliert. Vor allem in Algerien war viel von der «Schande von Gijón» die Rede. Bei der WM 1982 hatten sich Deutschland und Österreich nach der frühen deutschen Führung quasi auf eine Verwaltung des Ergebnisses geeinigt. Leidtragende waren damals die Algerier, die durch das deutsche 1:0 ausschieden.
Beide Teams spielen nach vorne
44 Jahre später konnte von einer «Schande von Kansas» nicht die Rede sein. Ganz im Gegenteil. Mit der ersten guten Chance des Spiels ging Österreich durch Arnautovic in Führung. Nun waren die Algerier gefordert, eine Niederlage hätte schließlich das Aus bedeutet. Kurz vor der Pause kam Belghali in Position und schloss nach feinem Solo wuchtig ab.
Nun stand Österreich wieder unter Druck. Ein weiteres Gegentor und das Team Austria hätte die Heimreise antreten müssen. Doch nach der Pause gingen die Österreicher durch Sabitzer wieder in Führung. Jetzt waren es wieder die Algerier, die gefordert waren - und erneut lieferten. Mahrez traf zum zweiten Mal zum Ausgleich und versetzte die vielen algerischen Fans in Ekstase.
Irre Schlussphase
In der Schlussphase spielten sich die Algerier den Ball eigentlich nur noch ungestört zu. Doch dann tauchte plötzlich Mahrez vor dem Austria-Tor auf und traf zum 3:2. Der in Saudi-Arabien für Al-Ahli spielende Stürmer hatte später fast das Gefühl, als müsse er sich für seinen Treffer entschuldigen. «Aber man muss den Ball und das Spiel respektieren», sagte Mahrez. Er habe dieses Tor schießen müssen.
Dass er sich später nicht noch weiter für seine eigentlich selbstverständliche Aktion erklären musste, lag an Kalajdzic und dem irren Ende eines verrückten Spiels. «BIST DU DEPPAT!», titelte das Online-Magazin oe24.at.



